Media Search

Kolonialreich Russland, Extraktivismus, indigene Völker und der Krieg

Kolonialreich Russland, Extraktivismus, indigene Völker und der Krieg

45:22 · Datenspuren 2026 · 2026-09-18

Was hat die Zerstörung der Lebensgrundlagen indigener Nomad:innen in Sibirien mit dem russischen Angriffskrieg zu tun? "Wenn NordStream2 fertiggebaut wird, gibt es Krieg" so sagte mir eine Vertreterin des ukrainischen Parlaments, der Verchovna Rada bei einer Konferenz im November 2019. Ich war zu dieser Konferenz eingeladen worden, um über die Folgen der Gasförderung für die Ureinwohner:innen der betroffenen Regionen in Westsibirien zu sprechen. Mir war bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht klar gewesen, dass was für mich eine Frage der Lebensgrundlage und Landrechte der indigenen Rentiernomad:innen des Hohen Nordens war, so untrennbar mit der Frage nach Krieg und Frieden für die Ukraine verbunden ist. Seit meinem Studium der Osteuropäischen Geschichte in den 90er-Jahren beim Ukraine-Experten Andreas Kappeler gehörte ich zu dem Häuflein westlicher Aktivist:innen, die sich besonders für die Menschenrechtslage der indigenen Völker Sibiriens interessierten, auch weil der größte Teil des hierzulande verbrauchten Erdöls und Erdgases aus ihren Territorien stammt, aber die beteiligten deutschen Firmen wie Ruhrgas oder Wintershall ihre Existenz nur zu gerne leugneten oder Narrative des Kreml wiederkäuten, demnach zwischen Öl- und Gasförderern und Indigenen Völkern eitel Harmonie herrsche. Auf Versuche, sie über die tatsächlichen Verhältnisse aufzuklären - den rasanten Raubbau an ihren Lebensgrundlagen und ein Klima von Einschüchterung und Angst, das jede ernsthafte Mitbestimmung über ihre Territorien von vornherein ausschloss - reagierten deutsche Politik und Wirtschaft stets mit Desinteresse. Diese Ignoranz hat Geschichte - auch der Erdgas-Röhren-Deal, das "Jahrhundertgeschäft" zwischen der Sowjetunion und Westdeutschland von 1970 ignorierte die Folgen für die Ureinwohner:innen vollkommen. Aber es geht noch weiter zurück. Noch vor dem Erdöl waren Ureinwohner:innen als Tribut abgepresste Felle die größte Einnahmequelle des Russischen Kaiserreichs. Im 18. und 19. Jahrhundert, als Kolonialismus noch chic war, bekannten sich die russischen Herrscher:innen noch unumwunden dazu, dass Sibirien eine russische Kolonie sei. Heute dagegen ist das "K"-Wort in Russland, und noch mehr das Wort "Dekolonialisierung" tabu. Wer es gebraucht oder wem auch nur der Gebrauch unterstellt werden, der oder die kann mit Jahrzehnten hinter Gittern rechnen, so auch langjährige Partner:innen von mir. Warum das so ist, und was das mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu tun hat, versuche ich in dem Vortrag anzureißen. Licensed to the public under https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/de/

Tags

People

Source: mediaccc